Macht euch von der Landschaft ein Bild

Nicht nur in der Malerei stellen sich im Nachhinein oft das Ungeplante und Unerwartete als das passend Richtige heraus: als sich aus dem Umfeld meines Aktzeichenkurses, den ich viele Jahre an der VHS gab (anfangs noch unter der Ägide von Wilfried Schwarz), aus Zufall eine Gruppe ambitionierter junger Künstler herausschälte, mit denen ich dann einmal im Jahr eine einwöchige ‚Plein Air-Malreise‘ unternahm, war mein Ehrgeiz und meine lange schlummernde Begeisterung für die (Landschafts-)Malerei wieder geweckt worden. Es entstand neben dem Zeichen- auch ein Malkurs, in dem es hauptsächlich um die Darstellung der Landschaft geht.

Neben den üblichen Übungen, die Komposition, Lichtführung und den Umgang mit Farbe betreffen, galt es anfangs auch, bestimmte Stereotypen der Wahrnehmung hinter sich zu lassen – also all die Kalenderbilder und Fotos mit hochgepuschter Ästhetik, mit einer in den Vordergrund gestellten Technik, mit denen uns heute vor allem die Fotografie überschwemmt, die das ‚Normale‘, das Unscheinbare, die ‚Stille‘ zwar gerne thematisiert, aber all das so gar nicht in ihrem stillen ‚Sein‘ belassen kann! Wir fingen also an, nach ganz persönlichen Motiven zu suchen. Denn eine selbst gesehene, selbst erlebte Landschaft zu malen bedeutet, sie überhaupt erst wirklich ‚zu sehen‘ und diese kontemplative Beschäftigung, diese Ruhe des Erlebens ist es vielleicht, die das Malen für viele Menschen heute so attraktiv macht!

Letzten Endes zeigt jedes Bild die seelische Gestimmtheit des Malers und es ist schön auch in der heutigen Zeit noch über diesen Ausweg zu verfügen, sich selbst zu erleben und auszudrücken, ohne sich dabei laut und anbiederisch die eigene Haut von innen nach außen krempeln zu müssen. Nein, in der Malerei passiert alles aus der Hand, quasi ‚ von selbst‘, nur über den Umweg des Sehens.

Macht euch von der Landschaft ein Bild

Auch wenn die sogenannte ‚Postmoderne‘ uns gerne vorgeben möchte, dass das Malen von Landschaften (und Porträts) anachronistisch ist und Themen wie das ‚urbane‘ Leben in all seinen Zusammenhängen zum alleinigen künstlerischen Beschäftigungsziel jedes aufgeklärten ‚zeitgenössischen‘ Künstlers erklärt, so ist es für mich eher tröstlich zu beobachten, wie sehr Themen wie die Landschafts- und Porträtmalerei an der ‚Moderne‘ förmlich abprallen, denn es fällt sofort auf, wenn sich ein solches Thema nicht mit aller Hingabe zum Motiv, also in ‚Schrittgeschwindigkeit‘ zu ihm, entwickelt oder ob das Motiv nur ‚benutzt‘ und nicht ‚gesehen‘ wird.

Die Akademien, die leider immer stärker zu reinen Erfüllungsgehilfen des Kunstmarktes werden, scheinen aufgrund des eigenen Innovationsdruckes überfordert damit zu sein, sich den Ansprüchen und Herausforderungen der Tradition zu stellen und darüber hinaus eigenständige Wege zu zeigen: die lange Zeit gültigen Sujets wie Landschaft oder Porträt werden allenfalls ironisch oder sozialkritisch gebrochen fortgeführt. Als Gegenstand der Übung oder der ernsthaften Kontemplation sind sie den Hobbykünstlern überlassen worden und führen ein chimärenhaftes Dasein, verpönt von den selbst ernannten Kunstkennern und geliebt von vielen, die keinen Zugang zur Postmoderne finden.

Dabei bleibt die Landschaftsmalerei als ein Gegenstand ernsthafter Bestrebungen und Gefühle oftmals auf der Strecke …

Das möchten wir ändern und die Besucher der Ausstellung oder künftige Kursteilnehmer dazu ermutigen, ihrer Umgebung wieder mit der Aufmerksamkeit entgegenzutreten, die sie verdient!

Jan Beumelburg im April 2015 (Katalogtext zur Ausstellung „Von Dom zu Dom – Landschaften entlang Havel“ in der Kunstmühle Mötzow)